Auf dem diesjährigen eIDAS-Gipfel, den der Bitkom Ende April in Berlin veranstaltete, war ich zu einer Podiumsdiskussion eingeladen, bei der es um die künftigen Geschäftsmöglichkeiten im Zusammenhang mit den European Digital Identity (EUDI) Wallets ging.
Aus meiner Sicht machte die Podiumsdiskussion eines sehr deutlich: Die Europäische Digitale Identitätsbörse kann nur dann erfolgreich sein, wenn sie Teil eines praktischen, interoperablen Ökosystems wird, das einen echten Mehrwert für Bürger, Unternehmen und Regierungen gleichermaßen schafft. Technologie allein ist nicht genug. Wir brauchen klare Verantwortlichkeiten, Vertrauen und überzeugende Anwendungsfälle, die die Menschen tatsächlich nutzen wollen.
Als Vertreter eines Telekommunikationsanbieters und eines qualifizierten Vertrauensdiensteanbieters sehe ich, dass Europa bereits einen großen Vorteil hat: Wir verfügen über einen starken rechtlichen und technischen Rahmen für vertrauenswürdige digitale Identitäten. Wir haben Jahre damit verbracht, in vielen Ländern eine sichere Infrastruktur aufzubauen, und jetzt können wir auf diesem Fundament die nächste Stufe digitaler Dienste errichten.
Eine der größten unmittelbaren Chancen liegt im Onboarding und in der Identitätsüberprüfung in regulierten Sektoren wie dem Bankwesen. In der Vergangenheit mussten Kunden oft persönlich anreisen oder umständliche Verfahren durchlaufen, um ein Konto zu eröffnen oder wichtige Dokumente zu unterschreiben. Mit einer vertrauenswürdigen digitalen Identität können diese Prozesse aus der Ferne, sicher und effizient durchgeführt werden. Darin liegt bereits heute der Wert.
Ich glaube jedoch, dass die größte langfristige Geschäftsmöglichkeit nicht in der Geldbörse selbst liegt. Der eigentliche Wert liegt in der sicheren Verbindung verifizierter Daten im Hintergrund. Unternehmen speichern heute oft Identitätsdatensätze, Bescheinigungen und Genehmigungen in fragmentierten Systemen in verschiedenen Abteilungen. Ein funktionierendes Wallet-Ökosystem kann diese Datenquellen miteinander verbinden und bei Bedarf vertrauenswürdige Informationen sofort nutzbar machen. Das steigert die Effizienz, verringert die Reibungsverluste und ermöglicht völlig neue digitale Dienste.
Vertrauenswürdige Identitätslösungen müssen immer drei Kernprobleme lösen:
Identifizierung, d. h. die Bestätigung, wer eine Person, ein Unternehmen oder eine Institution wirklich ist.
Authentizität, d. h. der Nachweis, dass Dokumente oder Berechtigungsnachweise unberührt blieben.
Haftung und Vertrauen, d. h. die Gewährleistung von Rechtssicherheit und Verantwortungsbewusstsein.
Diese Grundpfeiler sind für Anbieter von Vertrauensdiensten bereits von zentraler Bedeutung, und sie werden auch im Ökosystem der Brieftasche unverzichtbar bleiben.
Ich habe auch ein dringendes Problem angesprochen: Die derzeitigen Identifizierungsmethoden, wie z. B. die Videoidentifizierung, könnte schon bald durch die sich rasch verbessernden KI- und Deepfake-Technologien ernsthaft unter Druck geraten. Viele Unternehmen verlassen sich noch immer auf diese Systeme, doch deren langfristige Belastbarkeit ist ungewiss. Wenn es einfacher wird, synthetische Identitäten zu generieren, könnten viele aktuelle Onboarding-Modelle schnell an Glaubwürdigkeit verlieren. Deshalb muss Europa schnell zu stärkeren Identitätsmechanismen übergehen, die mit offiziellen Ausweisen verknüpft sind.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Nutzererfahrung. Sicherheit ist wichtig, aber Menschen greifen zu Lösungen, die einfach und intuitiv sind. Die Bürger sollten keine technischen Standards oder Vorschriften verstehen müssen. Sie sollten einfach in der Lage sein, sich schnell zu verifizieren, problemlos auf Dienste zuzugreifen und sich sicher zu fühlen, dass ihre Daten geschützt sind.
Ich habe auch darauf hingewiesen, dass Debatten über den Datenschutz manchmal zu theoretisch werden. Natürlich muss der Datenschutz integriert und nicht verhandelbar sein. Aber in der Praxis geben die Menschen regelmäßig Ausweiskopien an Hotels, Unternehmen und Online-Plattformen weiter, ohne zu wissen, wohin diese Daten gelangen. Eine gut konzipierte Brieftasche, die auf einer selektiven Offenlegung basiert, kann die Privatsphäre tatsächlich verbessern, indem sie nur die für eine Transaktion erforderlichen Daten weitergibt.
Mit Blick auf die Zukunft gehe ich davon aus, dass Europa bis etwa 2030 noch fragmentiert sein wird. Die einzelnen Länder entwickeln sich in unterschiedlichem Tempo und interpretieren Rollen wie die des qualifizierten Vertrauensdiensteanbieters unterschiedlich. Es wird also nicht von heute auf morgen eine perfekte universelle Brieftasche geben. Aber das sollte den Fortschritt nicht aufhalten. Es ist besser, mit einer soliden Grundlage, praktischen Anwendungsfällen und einer schrittweisen Einführung zu beginnen, als auf Perfektion zu warten.
Mein Gesamtfazit ist optimistisch: Europa verfügt über die rechtlichen Grundlagen, das technische Know-how und die Marktanforderungen, um erfolgreich zu sein. Wenn wir uns auf Vertrauen, Benutzerfreundlichkeit und reale Anwendungen konzentrieren, kann die digitale Identitätsbörse weit mehr als nur eine App werden. Sie wird das sichere Rückgrat der digitalen Wirtschaft in Europa sein.
Möchten Sie mehr darüber erfahren, wie Sie Ihre Organisation auf das kommende ID-Wallet-Ökosystem vorbereiten können? Laden Sie unser aktuelles Whitepaper kostenlos herunter.